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Marathonprojekt 2006

Unter vier Stunden – trotzdem ein „seltsamer“ Marathon

Marathonprojekt-Teilnehmerin Katrin Wicker über ihre Vorbereitung auf den 29. Oktober, ihren Wettkampf und die „Nachwehen“

Die Woche vorher Gejammer kann ich reichlich bieten. Beispielsweise eine Erkältung am Wochenende vor dem Messe Frankfurt Marathon. Und beim Laufen am Montag zwickte es überall: rechtes Knie außen, linker Knöchel innen, linkes Knie innen, rechter Knöchel. Nach dem Training dann noch das linke Schienbein. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag kam die linke Achillessehne ins Spiel, von Donnerstag bis Samstag die linke Wade. Am Mittwoch habe ich noch einmal über knapp vier Kilometer meinen „Marathonpuls für die erste Hälfte“ von zirka 152 getestet. Die ersten zwei Kilometer kam ein Tempo von 5:33 min/km raus, auf dem Rückweg nur 5:42 min./km. Für mein Traumziel, eine Zeit unter vier Stunden, brauche ich 5:41 min./km – über 42,195 Kilometer. Na Klasse!

Wettkampftag Um 7.30 Uhr wird bewölktes, regnerisches Wetter vorausgesagt. Ich entscheide mich für „unten kurz, oben lang“, Ärmel aufkrempeln kann man immer. Tatsächlich scheint dann zeitweise die Sonne, geregnet hat es überhaupt nicht. Um 10 Uhr das Treffen zum Gruppenfoto mit den anderen Projektteilnehmern. Kleiderbeutel abgeben, zweimal die Toilette aufsuchen, irgendwann sagt jemand, dass man sich allmählich in die Startblöcke begeben sollte. Es sind noch zehn Minuten bis zum Start. Also los.

Kilometer 0 bis 15: Acht Minuten nach dem Startschuss sind wir an der Startlinie angekommen. Alle starten ihre Uhr. Eine Kameratribüne versperrt mir den Weg, der Tempomacher (auch „Hase“ genannt) hat mehr Glück und ist schon 20 Meter weiter. Sein roter Luftballon ist weithin sichtbar. Hauptsache, ich verliere ihn nicht aus den Augen. Für den ersten Kilometer stoppe ich 5:50 min., völlig okay. Mein Puls auf den ersten Kilometern gefällt mir dagegen gar nicht. Statt der erhofften 152 sind es schon Werte um 158, viel zu früh. Soll ich ein bisschen Tempo rausnehmen, um den Puls herunterzubringen? Nein, ich werde mein Ziel nicht schon auf den ersten 5 Kilometern aufgeben. Ich schaue einfach nicht mehr hin. Die nächsten Kilometer verbringe ich relativ dicht hinter dem Hasen, mein Puls „beruhigt“ sich auf 154 bis 157, später zeitweise auf 152. Unser „Marathonprojekt- Oberguru“ hat uns immer wieder eingeschärft: „Keine negativen Gedanken zulassen. Nicht im Voraus etwas befürchten, das noch
nicht eingetreten ist!“ Und ich mache mir schon vor Kilometer 15 Gedanken über einen Einbruch jenseits von 30 km - was soll das? Bei Kilometer 15 stoppe ich 1:23:53 Stunden, damit habe ich zirka 1:30 Minuten Vorsprung auf 3:59:59. „Jetzt sei endlich zufrieden und genieße den Lauf!“

Kilometer 15 bis 25: Ein wenig hat die Ermahnung an mich genutzt, ich überhole sogar den Tempomacher. An der zweiten Staffel-Wechselzone feuert mich jemand aus dem Projekt an, einer, der hier auf seinen Einsatz wartet. Er ist im Vorjahr an der 4-Stunden-Stunden-Marke gescheitert. „Mach es besser“, ruft er. In Goldstein binich entspannt genug, dass ich die Begeisterung der Anwohnergenießen kann. Rasseln, Blecheimer, Trommeln, Stereoanlagen- alles muss zum Anfeuern herhalten. Und an der Halbmarathonmarkehabe ich etwa zwei Minuten Vorsprung auf mein Zeitziel.Ob ich es wohl schaffen werde? Ich bin weiterhin skeptisch, aberentschlossen zu kämpfen. An der 25-km-Marke bin ich mit demÖffnen einer Gel-Tube beschäftigt und somit überfordert, gleichzeitigdie Zwischenzeit abzulesen und mit der Marschtabelle zuvergleichen. Doch der Hase hat mich noch nicht eingeholt, alsoliege ich gut in der Zeit.

Kilometer 25 bis 30: Auf der Schwanheimer Brücke hole ich einenBekannten ein und spreche ihn an. „Immer an der gleichenStelle“, meint er. Ich hatte ihn wohl schon vergangenes Jahr hierüberholt. Für den 28. Kilometer stoppe ich 6:01 min. - der ersteKilometer über sechs Minuten. Aber kein Grund zur Aufregung.Es geht nach Höchst leicht bergauf, und im Vergleich zu den vorangegangenenStreckenabschnitten ist die Hölle los. Ein bisschenkommt es mir vor wie bei einer Henkersmahlzeit. Letztmalsgute Stimmung vor der gefürchteten Mainzer Landstraße zurückin die Innenstadt? Eine Freundin feuert mich an. 2:48:52 Stundenbei Kilometer 30 - immer noch anderthalb bis zwei Minuten „Vorsprung“.Aber der spannende Teil kommt noch.

Kilometer 30 bis 35: Ungefähr bei Kilometer 31 höre ich einenZuschauer rufen: „Da kommen die 4-Stunden-Läufer!“ Aha, derTempomacher muss also dicht hinter mir sein. Ich weiß, dass esjetzt schwer werden wird, aber ich bin entschlossen zu kämpfen.Wenigstens versuche ich, mir das einzureden. Ich nehmeein wenig Tempo raus, um den Hasen herankommen zu lassen.Weiter geht es neben oder dicht hinter ihm. Ich rede mir zu, nichtaufzugeben. Und schwer werden muss es doch bald, das warimmer so. Ich warte also. Und warte. Na ja, so richtig leicht ist esnatürlich nicht mehr, ich spüre meine Beine. Doch 3:16:43 Stundenbei Kilometer 35 und damit mehr als 2 Minuten „Vorsprung“machen Mut.

Kilometer 35 bis 42: An der Verpfl egungsstelle bei Kilometer 35macht der Hase eine Handbewegung, die bedeutet: „Langsamjetzt!“ Ich sehe dazu eigentlich keine Veranlassung, schnappemir ein Wasser und eine Apfelschorle und laufe weiter. Im Vorjahrhatte ich hier eine ausgedehnte Gehpause eingelegt. MeineKilometerzeiten schwanken zwischen 5:57 und 5:27, das Laufenfällt immer noch nicht wirklich schwer. Eigenartig, die ungeliebtenKilometer auf der Mainzer Landstraße gehen vorbei wie imFlug, die erwartete Krise kommt nicht. 3:45:17 Stunden bei Kilometer40, der Wettkampf ist sozusagen „gegessen“. Die letzten2,195 Marathonkilometer werden mit einem Schnitt von 5:22min./km so ziemlich meine schnellsten, und im Ziel stoppe ich3:57:04 Stunden. Offi ziell sind es 3:56:44. Keine Ahnung, wo die Zeitmesser von Mika Timing diese 20 Sekunden noch gefundenhaben.

Nach dem Rennen: Ich bin glücklich und stolz. Das war ein klasseJahr mit einem tollen Abschluss! Ich nehme einen BecherTee und setze mich auf den Boden. Doch mein Magen rebelliertund auch der Inhalt des zweiten Bechers kommt wieder heraus.Ebenso zuhause die Apfelschorle. Aber ich bin meinem Magenehrlich dankbar, dass er immer erst im Ziel und nie schon vorherseine kritischen Momente hat. Am Tag danach habe ich etwasMuskelkater in Beinen und Schultern, aber nichts Dramatisches.Treppen gehen ist problemlos vorwärts und freihändig möglich.Irgendwie war das ein seltsamer Marathon. Die erste Hälfte wenigerlocker als sonst, die zweite Hälfte und insbesondere die Kilometer30 bis 38 viel unproblematischer als gewohnt. Mit 1:57:46und 1:58:58 bin ich gleichmäßig gelaufen wie noch nie. Und derPuls? Ab Kilometer 31 lagen die Durchschnittswerte stellenweisebei 160 und höher, aber es waren auch Kilometer mit 158 oder159 dabei. Auf dem letzten Kilometer waren es 166.

Katrin Wicker aus Frankfurt, 44 Jahre alt und von Beruf Dokumentarin, gehört seit 2003 dem Marathonprojekt an.
Ihre Leistungsentwicklung:
4:37:49 (2003), 4:48:00 (2004), 4:12:45 (2005), 3:56:44 (2006).

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